Lapis Aktuell
Offermann, E.: Kristalle und ihre Formen: Praktische Kristallmorphologie (Bd. 3).
280 S. mit weit über 1000 Farbfotos und Zeichnungen. Format 21 x 30 cm, gebunden. 2009. € 59.-
Bd. 1 + Bd. 2 kosten zusammen € 89.-
Das besprochene Buch stellt den jetzt neu herausgegebenen dritten Band von „Kristalle und ihre Formen“ dar und ist als Ergänzung zu den im Jahr 2004 erschienenen Bänden 1 und 2 anzusehen. Autor Erich Offermann konnte das schöne Buch mit der eleganten Titelseite eines Vanadinits noch fertig gedruckt in den Händen halten, bevor er einige Wochen später, in seinem neunzigsten Lebensjahr, hinschied (→Lapis 2/2010 und Schweizer Strahler 1/2010).
Band 1 „Theoretische Kristallmorphologie“ ist ein für den interessierten Sammler leicht zu verstehendes und auch für den Wissenschaftler wertvolles Lehrbuch der theoretischen Kristallmorphologie. Band 2 „Praktische Kristallmorphologie“ enthält zahllose Beispiele von Real- und Idealkristallen häufiger Mineralarten, die mit Bildern und Zeichnungen des Autors illustriert sind.
Der neue, nun vorliegende Band 3 „Praktische Kristallmorphologie“ ist ähnlich aufgebaut. Die 200 Seiten des Hauptteils behandeln mehr als 300 ausgewählte, alphabetisch geordnete Mineralarten. Die Kristallmorphologie von häufigen Mineralien wie Adamin und Malachit, bis hin zu ganz seltenen, wie Phosphorrösslerit und Pseudograndreefit, wird auf einer halben bis ganzen Seite in sehr übersichtlicher Weise dargestellt, wobei im Zentrum immer eine oder mehrere Kristallzeichnungen stehen. Die „Rezepte“, wie die Zeichnungen im Shape-Programm nachgebildet werden können, werden detailliert geliefert. Einzelne Kristallformen, die am Aufbau der Kristalle beteiligt sind, sind neben der Hauptzeichnung abgebildet (Offermann nannte sie die „little guys“). Zusätzlich ergänzen hilfreiche Ansichten parallel der b- und der c-Achse (Kopfbilder) die perspektivische Hauptansicht. Sehr aufschlussreich und neu gegenüber Band 2 sind Abbildungen, welche die Hauptzeichnung farbig, unter verschiedenen Blickwinkeln, zeigen.
Oftmals wird die Zusammenstellung der Mineralarten durch ein Foto ergänzt; es lockert die strengen Zeichnungspassagen auf und dokumentiert den Charakter des Minerals. Diese Bilder erinnern uns teilweise auch eindrücklich daran, dass Erich Offermann zuerst ein Pionier der Mineralienfotographie war, bevor er sich hauptsächlich der Kristallmorphologie wendete.
Der zweite, kürzere Teil des Buches präsentiert stereoskopische Foto- und Zeichnungspaare der zuvor behandelten Mineralien. Mit Hilfe des mitgelieferten Kunststoffstereoskops lässt sich der dreidimensionale Kristallaufbau optimal erfassen.
Beim Zusammenstellen und der Herausgabe eines solch umfangreichen Werkes bleibt es natürlich nicht aus, dass sich Ungenauigkeiten einschleichen. So ist unter Andorit die heute rumänische Fundstelle Baia Sprie noch mit „Felsöbánya, Ungarn“ angegeben. Varietätsnamen wie „Chillagit“ oder „Öllacherit“ oder nicht mehr anerkannte Namen wie „Crossit“ werden wie vollwertige Mineralien geschrieben.— Kritischer wirken Fehler, die den Kern des Buches, die Kristallmorphologie, betreffen. So passen die Formenlisten von Imhofit und Nickelschneebergit nicht zur jeweiligen Zeichnung. Tippfehler haben sich eingeschlichen (eine Kristallklasse 6/mm, wie bei Jodargyrit angegeben, gibt es nicht). Beim hemimorphen
Edenharterit (Kristallklasse mm2) wird
die Symmetrie (mmm) angegeben – was
beim Zeichnen der Einfachheit halber akzeptierbar ist – doch es werden die hemimorphen Kristallformen aufgelistet. Dies sind aber nur Kleinigkeiten, die in einem umfangreichen Werk dieser Art nicht groß ins Gewicht fallen.
Dass einem fast 90jährigen Autor überhaupt so ein wichtiges Buch gelingt, grenzt an ein Wunder. Erich Offermann wollte der Nachwelt ein Buch schenken, das er 30 Jahre früher, als lernbegieriger Laie vergebens gesucht hatte. Dass es ihm gelungen ist, mit seiner Trilogie diese Lücke zu füllen, zeigt schon allein die Tatsache, dass die Bände 1+2, vor fünf Jahren aufgelegt, bis auf wenige Exemplare ausverkauft sind.
Es ist zu wünschen, dass dem nun vorliegenden dritten Band ein ähnlich verdienter Erfolg beschieden wird.
Philippe Roth






